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Coworking in Deutschland

Deutschland brachte in den letzten 5 Jahren neben seinen 72 Spaces eine besonders aktive Coworking-Bewegung hervor, die sich spaceübergreifend trifft. So wie hier bei einem Meeting in Lüneburg mit Spaces aus Hamburg, Köln oder Lübeck. (Freiraum Lüneburg)

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Deutschland brachte in den letzten fünf Jahren neben seinem 72 Coworking Spaces eine besonders aktive Coworking-Bewegung hervor, die sich spaceübergreifend organisiert. Regelmäßig finden deutschlandweite Treffen statt. Mit der Coworking Week stemmten sie letzten September gemeinsam eine ganze Woche mit Veranstaltungen. Und im Juli startet ein Coworking Barcamp, in der sich die Bewegung thematisch wieder für externe Teilnehmer öffnet. Eine kleine Geschichte über die Coworking-Bewegung in Deutschland, ihre derzeitigen Aussichten und warum hier manches vielleicht etwas anders läuft als in anderen Ländern.

Coworking Profil Deutschland
Zahl der Coworking Spaces: 72
Zahl der Arbeitstische: 1850

Die Geschichte des modernen Coworkings beginnt in Deutschland eigentlich nicht Ende der 1920er Jahre. In dieser Zeit tritt der ehemalige Zuhälter und Schläger Franz Biberkopf (30) den Gang in die Freiheit an. Die neuen Möglichkeiten wecken nach mehrjähriger Monotonie und starrer Ordnung des Knasts neuen Ehrgeiz in ihm. Auf dem Weg durch Berlin sucht er eine anständige Arbeit und ein Leben, welches ihm auch als besserer Mensch mehr als nur ein Butterbrot bietet. Dabei besucht die Romanfigur aus Döblins Berlin Alexanderplatz wiederholt ein Bier- und Suppenlokal Namens Aschinger, welches Jahrzehnte später als Sankt Oberholz neue Berühmtheit erlangt.

Die Leute dort, ebenfalls um die 30, suchen das gleiche wie Franz, nur dass sie sich entweder aus dem Knast des monotonen Angestelltendaseins oder des Prekariats befreien möchten.

Das Sankt Oberholz öffnete 2005 auf zwei Etagen als eines der ersten Cafés in Berlin, das kostenlosen Netzanschluss bietet und Leute, die vor ihrem Laptop arbeiten, nicht nur als Kostenkiller für ihr Gastronomiegeschäft ansehen. Ihre Gäste landen in einem weiteren Buch. „Wir nennen es Arbeit“ erscheint ein Jahr später und beschreibt erstmals für Deutschland eine neue Arbeitsform, die durch das Internet in vielen Teilen der Welt entstand.

Viele Vertreter dieser „digitalen Bohème“, fanden – anders als Franz – einen Weg so selbst bestimmt zu arbeiten, dass sie jederzeit genug Geld zum Leben verdienen und dennoch ihren Grundsätzen treu bleiben. Ihr Büro ist der Server, ihre Kollegen ein Netzwerk, ihre Währung gegenseitiger Respekt. Einen Chef, der über ihnen steht, gibt es nicht. Nur Coworking nannte man es in Deutschland noch nicht.

Zwar versank der Begriff der „digitalen Bohème“ schnell im Gulli der deutschen Medien, das Buch markierte damals jedoch einen wunden und einen Wendepunkt. Im Sankt Oberholz wurde nichts erfunden, was es nicht schon anderswo in Deutschland gab. Das Buch entfaltete allerdings mit seiner Beschreibung eine identitätsstiftende Wirkung, die eine selbstbewusste Bewegung anstoß. Der erste Coworking Space Berlins bezog sich mit seinem Namen „The Business Class Net“ ironisch und ernst gemeint explizit auf den Buchtitel. Selbst wenn wir nicht in der Business Class der Flieger sitzen, auch wir arbeiten. Und eröffnete demonstrativ am Tag der Arbeit.

Dem Buch folgte 2007 eine Konferenz der Autoren unter dem Titel `9 to 5 Festival´, Mehr als 100 Referenten, vom Gründer des Sankt Oberholz` bis zu einem langjähriger Theoretiker der „Neuen Arbeit“, Frithjof Bergman, diskutierten mit weiteren 500 Besuchern die Selbstorganisation im Kollektiven auf der öffentlichen Bühne.

Der Produzent des Festivals, Sebastian Sooth, baute anschließend zusammen mit Alexander Lang, die erste deutsche Listingseite für die neuen Arbeitsorte im Wiki-Stil: Hallenprojekt.de. Beide eröffnten mit dem co.up (zunächst upstream) und später mit dem Studio 70 ihre eigenen Coworking Spaces in Berlin.

2009 folgte das Betahaus und zog mit seiner Größe und guten Medienarbeit neue Aufmerksamkeit auf die Arbeitsform. Spätestens seit dieser Zeit boomt der Markt, der mit ‚Coworking’ und seinen ‚Coworking Spaces’ auch einen neuen Namen übernahm.

Auch wenn seit dieser Zeit überdurchschnittlich häufig Presseartikel über journalistische Selbstversuche im Betahaus erschienen, existieren heute neben den drei Betahäusern noch 69 andere Coworking Spaces in Deutschland (Stand Juni 2011). In den nächsten Wochen kommen weitere in Lüneburg, Saarbrücken oder Essen dazu. Und in Berlin öffneten allein seit Monatsanfang drei neue Spaces, bis August wird ihre Zahl auf etwa 23 anwachsen.

Neben Berlin entwickelten sich die zahlreichen Städte Nordrhein-Westfalens, Hamburg, Leipzig und München zu Zentren für Coworking Spaces. Mit den vielen neuen Arbeitsorten entstand gleichzeitig eine aktive Coworking-Bewegung, die überregional agiert und regelmäßige Deutschland-Treffen oder das NRW-Treffen initiiert. Anders als beim ‚9 to 5 Festival’, sind die Themen jedoch stärker auf Coworking-Aspekte rund um den Schreibtisch reduziert.

Möglicherweise ein Grund, warum ein regelmäßiger Teilnehmer wie Peter Schreck, Organisator der Seite coworking.de und Mitbetreiber der Kölner Gasmotorenfabrik, diesen Treffen mittlerweile eine „veränderte Vernetzungsaktivität“ attestiert. „Die bereits "Erfahrenen" scheinen immer weniger Interesse an den Space-übergreifenden Netzwerktreffen zu haben“.

Für neuen Schwung sorgt die im September zum zweiten Mal stattfindende Coworking Week, die derzeit als großes Thema von vielen deutschen Coworking Spaces im Verbund organisiert wird.

Auch Anni Roolf, Initiatorin der europäischen JellyWeek im Januar, sieht Bedarf für neue Entwicklungsimpulse und organisiert dafür das Anfang Juli stattfindende 1. Coworking Germany Barcamp, mit der sie und ihre Partner Coworking thematisch breiter aufstellen und für weitere Zielgruppen öffnen möchte:

„Wir werden nicht nur über Themen für die Betreiber oder aus der Betreiberperspektive sprechen, sondern nehmen auch angrenzende Themen mit. Der Austausch mit anderen Akteuren hilft uns, die Idee des Coworkings und die Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Außerdem bestehen außerhalb der Coworking Bewegung nach wie vor große Verständnisprobleme über diese Erscheinung, die wir mit gemeinsamen Veranstaltungen besser auflösen.“ Ein besseres Verständnis und der Aufbau solcher Brücken helfen der Coworking Bewegung von externen Akteuren ernster genommen zu werden.

Das Barcamp sieht sich nicht als ergänzende Veranstaltung zu den bisherigen Treffen. In Wuppertal findet vom 8. bis 10. Juli auch das Deutschland- und NRW-Treffen statt.

Im Vergleich zu anderen Ländern scheint die deutsche Coworking Bewegung allerdings bereits sehr gut entwickelt. Zwar besitzen weder Anni noch Peter einen umfassenden Einblick über die weltweite Situation. Mit der europäischen Coworking Konferenz im November erhielten beide jedoch den Eindruck, stärker als Coworking Spaces anderer Länder miteinander vernetzt zu sein.

Peter sieht in Deutschland „den Willen zum Austausch am stärksten ausgeprägt.“ Anni führt diese Entwicklung auf die föderale Struktur der Bundesrepublik zurück: „In Ländern wie Großbritannien oder Frankreich konzentriert sich die Bewegung wegen der kulturellen und historischen Besonderheiten eher auf die Hauptstädte, die Länder sind zentralisierter organisiert und „das Ziel einer überregionalen Vernetzung möglicherweise überhaupt nicht vorhanden“ – zumindest außerhalb des eigenen Space-Netzwerkes. Was allerdings nicht bedeutet, dass gar keine Kommunikation zwischen den Spaces existiert.

Der Vernetzungsgrad liegt möglicherweise auch in den Entfernungen begründet. Innerhalb von Städten wie London oder Paris reduzieren kurze Distanzen zu anderen Spaces möglicherweise den Austausch, weil er schnell vom Konkurrenzdenken überlagert würde.

In föderalen, aber sehr großen Staaten wie den USA stehen die weiten räumlichen Distanzen zwischen den Städten häufiger stattfindenden Treffen auf überregionaler Ebene entgegen, weil sie erheblich höhere Kosten verursachen. Stattdessen kommunizieren die Spacebetreiber häufiger über Online-Netzwerke wie die Coworking Google Group, die auch für die weltweite Vernetzung genutzt wird.

Eine mit Deutschland vergleichbare Situation findet man am ehesten in Italien, mit einem Online-Netzwerk und Barcamps, die bisher unter dem Dach des CoworkingProjects stattfinden.

Für Coworking Spaces, die sich innerhalb ihrer Länder besser miteinander vernetzen möchten, hat Anni ein paar einfache Ratschläge. Fang einfach an und halte die Organisation niedrigschwellig. Lass für einen besseren Austausch eine größere Vielfalt zu und blockiere dich nicht mit Konkurrenzdenken. Und stimme dich besser mit Partnern und potenziellen Teilnehmern ab, indem du sie über eine frühzeitige Terminabsprache rechtzeitig mit einbindest.

Selbstbestimmt, glücklich und für ein anständiges Einkommen arbeiten zu können, ohne dabei seine eigene Grundsätze verraten zu müssen, sind weiterhin aktuelle Ziele für viele Menschen, die sich im Knast der Monotonie, der Abhängigkeit oder des Prekariats gefangen fühlen. Gemeinsam können die Coworking Spaces diese Leute schneller befreien. Wie es ganz ohne sie laufen könnte, zeigt die Geschichte von Franz. Er landete im Irrenhaus.

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